Und mal wieder haben wir viel zu lange gequatscht… Es ist  halb zwölf, als  ich in einen tiefen  Schlaf falle.

Give me a ticket for an aeroplane

3.50 Uhr klingelt  der Wecker  – uah. Flugs fertig machen,  Yuki ist pünktlich um  4.30 Uhr startklar. Auf den Straßen noch  ein paar Nachtschwärmer,  außerdem fahren  die  ersten Müllfahrzeuge herum, um  den Dreck  der  vergangenen Nacht zu entsorgen. An der Bushaltestelle stehen schon ein paar  Leute, da  kommt  der Bus.  Yuki verabschiedet sich noch von einem Freund, wie sie sagt, ein älterer Herr, der in Blaumann auf dem  Fahrrad  angeradelt gekommen ist. Nach 30 Minuten erreichen wir Terminal  2 des Flughafens Helsinki.Das mit dem Ausdrucken des Kofferanhängers funktioniert nicht,  doch die Schalterbeamten helfen weiter. Alles  ist recht übersichtlich.  Keine Probleme bei der Sicherheitskontrolle,  man wird  direkt in den Duty free-Shop gelotst, es gibt kein Entkommen. Für 3,60 € erstehe ich eine frische Zimtschnecke – die letzte hier im Norden. Während ich auf den Flug warte, geht am Horizont die Sonne auf und taucht alles in goldenes Licht. Am Gate ist es recht ruhig, viele Leute liegen auf den Sitzen und schlafen. Eine ganz in weiß gekleidete ältere Dame – sogar die Haare nebst Haarspange und die Söckchen sind weiß – stolziert mit einer weißen Handtasche am Gate entlang, neben ihr ein junger Mann, ebenfalls vollständig in weiß gekleidet, der einen Gepäckwagen mit ausschließlich – richtig geraten – weißen Koffern schiebt. Am  Ohr hat er ein  – Achtung  – weißes Kopfhöhrerlein, aus dem Musik ertönt  – für  alle hörbar. Zweifelsohne ist das ein Pärchen, zu dem sich jeder umdreht. 7.10 Uhr ist Boarding-Time. Ich sitze in der letzten Reihe, 25 D. Es geht pünktlich los, ich nicke direkt ein. Ich werde wach, als es erste Turbulenzen gibt – natürlich über Deutschland. Eine Schlechtwetterfront sorgt für schwankende Flugzeuge.

Thank you for travelling with DB Regio

Wir landen um 8.40 Uhr Ortszeit. Wenn alles  gut läuft, erwische ich noch den SkyTrain um 9.17 Uhr. Um 9.14 Uhr läuft mein Rucksack vom Band, ich sprinte zur SkyTrain – sämtliche Rolltreppen aufwärts sind defekt! Im letzten Moment haste ich in den Zug – geschafft! 9.28 Uhr fährt der Regionalexpress Richtung Dortmund los,  ich gebe Papa Bescheid, dass ich um 11.00 Uhr in Neheim bin. Kurz vor Duisburg bleiben wir auf der Strecke stehen. Die Durchsage: Das Gleis ist belegt. Okay, kann ja mal vorkommen. Wenig später erneut eine Durchsage: Aufgrund einer Stellwerkstörung im Raum Duisburg verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit. Sitzt Frau Fuchs irgendwo in diesem Zug?? 🙂 Nach 20 Minuten die Durchsage:  “Meine Damen und Herren, es geht erstmal etwas weiter.” Na Danke dafür. Mit 30 minütiger Verspätung erreichen wir Duisburg. Nun geht es ohne Verzögerungen weiter nach Dortmund. Der Regionalexpress Richtung Winterberg steht bereits bereit. Ich steige ein und nehme Platz. Ich bin bereits seit drei Uhr auf den Beinen, aber noch geht es. Um 12.01 Uhr erreicht der Zug Neheim-Hüsten – Heimat, du hast mich wieder.

Von wegen früh ins Bett. Mit Giorgia wird geschnattert was das Zeug hält :-). Wenn uns die englischen Wörter ausgehen, versuchen wir es mit Deutsch, Italienisch oder Latein. Und siehe da – es funktioniert!

Beyond the sea…

Ich werde um 8.00 Uhr wach, frühstücke eine Zimtschnecke und einen Organgensaft. Vom Hostel bis zur Bushaltestelle braucht man ziemlich genau 15 Minuten. Ich werfe die Postkarten ein und frage den Fahrer des Finnair-Busses, ob es stimmt, dass auch am Sonntag der erste Bus zum Flughafen um 5.00 Uhr fährt. Das sei richtig, bestätigt er mir. Über die Keskuskatu und die Pohioisesplanadi schlendere ich zum Marktplatz. Für 5,- € gibt es es Tagesticket für den Transfer zwischen Helsinki und Soumenlinna. Das Boot legt um 10.05  Uhr ab und benötigt keine 15 Minuten. Während ein Großteil der Neuankömmlinge sich nach rechts wenden, gehe ich auf der Anlage, die seit IMG_7069 1999 zum Unesco Weltkulturerbe als Militärarchitektur zählt, nach links und folge der Blauen Route über die Insel. Die Seefestung liegt auf mehreren Inseln und wurde 1748 gegründet. Zunächst war sie Teil des russischen, dann des schwedischen und schließlich des finnischen Verteidigungssystems. Vor der Kirche treffe ich Yuki, die innerhalb von 90 Minuten bereits alles gesehen hat und wieder auf dem Heimweg ist. Die Kirche öffnet erst um 12.00 Uhr. Sie wurde 1854 als russische Garnisonskirche erbaut, seit 1918 ist sie jedoch lutherisch. Im Kirchturm befindet sich nach wie vor ein Leuchtfeuer, das dem Flug- und Schiffsverkehr dient. Der Weg führt zum Besucherzentrum, von wo aus man über eine kleine Holzbrücke auf die nächste Insel gelangt. Ich entdecke in einem kleinen Laden mit finnischer Handwerkskunst einen Armreif, der aus alten Fahrradketten gefertigt wurde. Sitzt, wackelt und hat und Luft und gehört ab sofort mir. Ich verlasse den Hauptweg und schlage mich bis zur See durch. Seelenruhig ziehen Segelboote vorbei, hüpfen Motorboote übers Wasser,  ziehen Ozeanriesen vorbei. Hier lässt es sich aushalten! Ich setze mich auf die Felsen, schaue Möwen und Gänsen zu und genieße die warmen Strahlen der Sonne.

Can’t take my eyes off of you…

Ich bleibe auf dem kleinen Trampelpfad, der sich an der Küste entlang schlängelt. Das Grün der Hügel konkurriert mit dem in Irland, kann aber nicht mithalten. Das Restaurant “Walhalla” lockt mit recht günstigen Pizza-Preisen, IMG_7075 aber ich bin schließlich nicht an der See, um dann Pizza zu essen! An der Königspforte dauert es recht lange, bis alle Touristen verschwunden sind und ich ein Foto ohne Menschen machen kann. Ich bitte ein Ehepaar, mich zu fotografieren (extra für Heike), aber er kennt sich nicht  mit Kameras aus, so dass die Pforte scharf abgelichtet wird und ich nur verschwommen. Ein zweiter Versuch mit einer jungen Frau, die ebenfalls eine Canon um den Hals hängen hat – und siehe da, es funktioniert. Die Keramikwerkstatt hat leider geschlossen, die Glasbläserei finde ich nicht. Am Gästehafen liegt das Cafée Valimo, auf eine Kartoffelsuppe habe ich aber auch keinen Hunger. Ein letzter Versuch in der alten Militärkneipe Klubi 20 – doch einen Hamburger mit Pommes möchte ich auch nicht. Als ab zum Hauptpier. Aus der Kirche tritt gerade ein äußerst elegantes Brautpaar, die Gäste der nachfolgenden Trauung warten schon ungeduldig. Wenige Touristen nutzen die Gunst der Stunde, um in diesem Trubel einen kleinen Blick in die Kirche zu erhaschen. Nach über vier Stunden Aufenthalt auf Suomenlinna geht es zurück nach Helsinki. Ich schlendere über den Markt und mein Blick bleibt einmal mehr an dem schon erwähnten Nudellöffel bzw. Nudelgabel hängen. Ob sie den Weg in meine Wohnung findet, werdet ihr herausfinden, wenn ihr mal wieder bei mir zu Hause seid und es Nudeln gibt.

…like a fish in the sea…

Meine Suche nach einem kleinen aber feinen Restaurant mit Fischspezialitäten scheint aussichtslos. Ich betrete den ein oder anderen Designladen, finde aber keine schönen Sachen. Schließlich erreiche ich den Platz unterhalb der Kathedrale. Hier weist ein Schild auf ein typisches finnisches Restaurant hin: Savotta. Ich werfe einen Blick auf die Speisekarte und setze mich. CIMG3371 Die Kellnerinnen tragen Röcke im Karomuster und weiße Blusen. Ich bestelle in Fassbutter knusprig gebratene kleine Maränen mit Kartoffelpüree, Omas Essiggurke und zerlassener Butter mit Dill. Das Ganze wird auf einem langen Holzbrett serviert, die Maränen mit Gräten und Schuppen verspeist. Es ist einfach nur himmlisch! Die Maränen zergehen im Mund, das Kartoffelpüree hat genau die richtige Konsistenz (und stammt garantiert nicht aus der Tüte!). Zum Reinknien! Ich esse alles ratzeputz leer. Im Laden nebenan will ich noch etwas  kaufen, das ich gestern bereits in Augenschein genommen habe – doch da es Punkt 16 Uhr ist, wird gerade geschlossen! Ich kann die Verkäuferinnen überreden, mich noch schnell einkaufen zu lassen. Als sie mitbekommen, dass es ein Geschenk für eine Freundin sein soll, werden sie super freundlich und packen es sogar noch in eine besondere Geschenkbox ein. Alles nur für dich, Frauke! 🙂 Nach und nach schließen die Läden – schließlich ist Samstag, da ist höchstens bis 17.00 Uhr geöffnet, in seltenen Fällen auch einmal bis 18.00 Uhr.

Closing time

Auf dem Weg zurück zum Hostel genieße ich noch einmal ein paar Minuten der Stille in der Kamppi-Kapelle. Ich komme mit der Diakonin ins Gespräch. Sie verrät mir, dass der Bau 7,5 Millionen Euro gekostet hat. Als ich ihr die Pläne für die Kapelle am Eulenspiegel zeige, ist sie sofort Feuer und Flamme – und ist ehrlich überrascht, als ich ihr mitteile, dass dieses Bauwerk “nur” 665.000 € kosten wird. Ich begebe mich in das Kamppi-Kaufhaus, viele Bekleidungsfirmen haben hier einen kleinen Laden, auch Schmuck und Elektronikartikel dürfen nicht fehlen. Im Supermarkt kaufe ich mir ein kleines Abendessen, Frühstück und Lakritz. Eine Lautsprecherdurchsage macht darauf aufmerksam, dass es in 15 Minuten 18 Uhr ist und alle Läden schließen. Nur der Supermarkt hat noch eine Stunde länger geöffnet. Im letzten Licht der Sonne schlendere ich zurück zum Hostel. Kurz drauf taucht auf Yuki auf, die reichlich eingekauft hat. Sie zieht noch einmal los, weil sie die Kathedrale noch nicht besichtigt hat. Ich bin recht müde und entschließe mich, in Ruhe zu packen und früh schlafen zu gehen. Diesmal aber wirklich.

Von wegen früh ins Bett.. Mit meinen Zimmergenossinnen Giorgia aus Rom und Yuki aus Tokio quatsche ich noch bis 2 Uhr nachts. Während ich Programmiererin Giorgia sehr gut verstehen kann, fällt es mir bei Yuki schwer, dem abgehackten Englisch zu lauschen. Yuki will morgen einen Tagesausflug nach Tallinn machen, Giorgia nach Soumenlinna fahren.

In die Erde und in die Höhe

Als Yuki gegen acht Uhr das Zimmer verlässt, werde ich wach. Ich habe tief und fest geschlafen. Nach einer erfrischenden Dusch (der Duschkopf ist kaputt und es kommt nur ein dicker Strahl herausgeschossen) plane ich den Tag. Giorgia wird wach, macht sich fertig und geht. Auch meine Planungen sind abgeschlossen und ich verlasse das Haus. Es zieht mich in den Norden zur Felsenkirche, die nicht weit entfernt ist. Dummerweise öffnet sie erst um 10 Uhr, ich schlage die Zeit mit Sudoku-Lösen herum. Die Kirche wurde 1969 von Timo und Tuoma Soumalainen gebaut. Im Innern fällt durch Deckenfenster Tageslicht in den kargen Raum. Ein 22 km langes Kupfergerüst bildet die Kuppel der Kirche. Neben dem Altar steht ein Flügel, an dem ein junger Pianist Peer Gynts “Morgendämmerung” spielt. Ich verlasse die Kirche und gehe weiter Richtung Norden. Mein Magen knurrt. Am Café Regatta im Ortsteil Töölö kaufe ich mir eine der vielgelobten Zimtschnecken und gönne mit eine heiße Schokolade – diesmal richtig! IMG_6926 Mit Blick auf die Bucht genieße ich beides und überquere dann die Straße zum Sibelius-Denkmal. Das von Eila Hiltunen entworfene Objekt ist einer Orgel mit 600 Pfeifen nachempfunden und wurde 1967 eröffnet. Ich habe das Gefühl, dass zwar viele ein Foto von der Orgel machen, aber keinen blassen Schimmern haben, wer Sibelius eigentlich war. Steht auch nirgends (außer in dem ein oder anderen Reiseführer), dass er ein berühmter finnischer Komponist war (1865 – 1957). Durch den Park geht es weiter zum 1938 erbauten Olympiastadion. 1952 fanden hier die XV. Olympischen Sommerspiele statt und wenn man auf den knarzenden und abgegriffenen, aber von zeitlosem Design geprägten Holzbänken auf den Rängen sitzt, meint man die Stadiondurchsagen zu hören, den Wind zu spüren, den die Läufer bei ihrem Spurt hinterlassen, den Sand nach einem weiten Sprung aufwirbeln zu sehen. Ich war zwar noch nicht in vielen Stadien, aber  dieses hat es mir zweifelsohne angetan. Der Eingang zum Stadion wird von IMG_6947 einem 72 m hohen Turm flankiert. Von oben hat man eine grandiose Sicht über die Stadt – und das olympische Freiluft-Schwimmstadion, das an das Debakel von Athen erinnern lässt (Eine ehemalige deutsche Schwimmerin ging bei den olympischen Spielen so richtig baden und redete sich damit heraus, dass sie unter freiem Himmel das Wasser nicht richtig hätte spüren können.). Die komplette Anlage entstand als Resultat eines Architektenwettbewerbs, den Yrjö Lindefren und Toivi Jäntti mit ihrem stilreinen funktionalistischen Entwurf gewannen.

Schneeweiß und Indigoblau

Am Töölönlahti entlang geht es Richtung Innenstadt. Westlich des Hauptbahnhofes erhebt sich auf einem Hügel der mächtige Dom. Schneeweiß IMG_6977 leuchtet er vor strahlendblauem Himmel, die Sonne wirft ihre Strahlen auf die goldenen Spitzen. Der Berliner Architekt Carl Ludwig Engel hat sowohl den Dom  als auch den tiefer gelegenen Senatsplatz entworfen und zwischen 1822 und 1852 verwirklicht. Im Innern des Doms ziert kein einziges Bild die schlohweißen Wände, imposant wölben sich die Kuppeln über dem Kirchenschiff. Viele Stufen geht es abwärts zum Senatsplatz, es erinnert ein wenig an Sacré Coeur.  In einem kleinen Laden bin ich versucht, die ersten Euros für finnische Designprodukte auszugeben, lasse es dann aber bleiben. Auf der Sofiankatu geht es bis zum Markt, der direkt an der dunkelblauen See liegt. Hier liegen die Preise für finnische Handarbeit – die der aus Tallinn zum Verwechseln ähnlich sieht – deutlich höher als in der estnischen Hauptstatt. Für eine Kuksa muss man hier 35,- € auf den Tisch legen, Buttermesser gibt es ab 3,- € aufwärts. An einem Stand erstehe ich ein für diese Verhältnisse günstiges Mittagessen: Gemüse mit Kartoffeln und zwei große Rentierfrikadellen für 10,- €. Um die Kalorien gleich wieder loszuwerden, begebe ich mich zur Uspenski-Kathedrale am Yachthafen. Sie wurde 1868 fertiggestellt und ist die größte orthodoxe Kirche Westeuropas. Der Innenraum ist geprägt von viel Gold und zahlreichen schlanken Bienenwachskerzen, die die Besucher in die dafür vorgesehenen Sand-Behälter stecken.

Klare Formen, wenig Brimborium

Am Park zwischen Eteläesplanadi und Pohioisesplanadi geht es bis zur Korkeavourenkatu. Das Militärorchester Nordsee – ganz in weiß gekleidet – spielt ein Konzert zur Mittagszeit. Natürlich klatschen alle Deutschen fleißig auf eins und drei mit. Auf den Straßen reiht sich ein Design-Laden an den anderen. Klare Linien bestimmen das nordische Design, pfiffige Schnitte, klare ausdrucksstarke Farben. Ich sitze auf Stühlen Probe, ich ich mir dann werde leisten können, wenn ich drei Monate lang keine Kosten  (Essen,  Kleidung, Miete, Versicherung…) habe. Naja, wenn ich einen besser bezahlten Job hätte, ginge das auch schneller :-). Aber selbst dann sind die Summen, die man für einen Designer-Stuhl auf den Tisch legen kann, unglaublich hoch. Dennoch zieht es mich in jeden Laden, von dem man nur ahnen kann, dass sich ein wenig nordisches Design darin verbirgt. Würde ich mein String-Regal im Wohnzimmer neu kaufen wollen, müsste ich für zwei Seitenteile und drei Bretter 90,- € auf den Tisch legen. Da kommt dann doch einiges zusammen, wenn ich mir mein Wohnzimmer mal so vor Augen führe… Im Shop des Design-Museums lacht mich erneut ein Nudellöffel in Form eines Baumes an. Doch ich kann mich immer noch nicht dazu entschließen, ihn zu kaufen. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Hektik und Ruhe liegen nah bei einander

Ich schlendere gemächlich bis zum Stockmann-Einkaufszentrum. Unterwegs gönne ich mir einen Nachtisch in Form eines gefrorenen Joghurts mit Mangostücken, Cashew-Kernen und Zartbitterschokolade. Im größten Einkaufszentrum der nordischen Länder schließlich gibt es alles, was das Herz begehrt – zum Teil zu Preisen, bei denen einem schlecht werden kann. Die Kuksa kostet sage und schreibe 59,- €. Nur gucken, nicht kaufen, lautet in vielen Abteilungen meine Devise. Im zweiten Untergeschoss befindet sich ein Supermarkt. Hier wird das Brot abgewogen und so der korrekte Preis ermittelt. Wäre das bei uns auch so, wüsste man, welcher Bäcker keine Luft verbackt. Für einen kleinen Salat, ein kleines Baguette, einen Orangensaft, eine Flasche Wasser, eine Zimtschnecke und ein bisschen Schokolade werde ich 13,- € los. Bäm. Der Weg zum Hostel führt an der Kapelle der Stille vorbei. IMG_7025 Das Architekturbüro K2S hat diesen Holzbau entworfen, der seit Mai 2012 mitten im trubeligen Viertel in Kamppi  steht. Am Rande des Narinkka-Platzes gelegen soll die Kapelle Besuchern einen Ort der Stille bieten, Taufen oder Eheschließungen sowie Gottesdienste sind nicht vorgesehen. Ja, genau das braucht diese Stadt auch. Ohne wirkliche Innenstadt, in der man auch einmal verweilen kann, knattern ständig Autos und Motorräder über das Kopfsteinpflaster der Straßen, hasten Menschen von einem Laden in den Nächsten.  Stillstand ist der Tod. Der Entwurf der Kapelle wurde mit dem Preis “The Chicago Athenaeum International Architecture Award 2010” ausgezeichnet und gehört zum World Design Capital Helsinki 2012”-Programm. Mitarbeiter des Sozialamtes und der Kirchengemeinde stehen während der Öffnungszeiten für Gespräche zur Verfügung. Ich nehme auf einer der Holzbänke Platz, der Lärm und die Hektik der Stadt werden umgehend ausgeblendet. Durch die Holzbauweise fühlt sich der Raum sofort warm an, sanftes Licht fällt durch einige Fenster im Dach. Mit einem Mal kann ich “unsere” Kapelle am Eulenspiegel fühlen, einen Raum, der durch herabfallendes Licht in Szene gesetzt wird. Ich kann auf einmal verstehen, warum es den Verantwortlichen im EGV so wichtig war, das Äußere “auszusperren”. Ja, manchmal braucht es diesen Ort der Stille, einen Ort der Ruhe und Gelassenheit. Ich hänge meinen Gedanken nach und verweile fast eine halbe Stunde in dieser “palm of his hand”, wie es in den irischen Segenswünschen heißt.

Abend wird es wieder…

Meine Füße sind nach 10 Stunden Stadterwandern langsam müde, meine 15 Jahre alten Teva-Sandalen haben vermutlich ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, das Fußbett federt nicht mehr jeden Stoß so ab wie früher. Zurück im Hostel heißt es daher “Füße hoch”, Finanzlage checken, Karten und Tagebuch schreiben.

Halbzeit – und der zweite und letzte Tag in Tallinn, bevor es nach Helsinki geht.

Kakao und Limonaad

Ich frühstücke im Hostel drei Zimtschnecken, bevor ich meine Sachen zusammenpacke und das Bett abziehe. Den Rucksack kann ich solange hier lassen. Ich gehe in die Stadt, dunkle Wolken hängen am Himmel, noch fällt kein Regen. Es ist längst nicht so trubelig wie gestern, schließlich ist kein Markt undIMG_6864 das Wetter eher bescheiden. Am Mägdeturm spielt ein junger Mann ein ungewöhnliches Instrument: Es hat Saiten und einige hölzerne Knöpfe. Die Saiten streicht er mit einem Bogen, wenn er die Knöpfe drückt, ertönen verschiedene Töne. So ganz verstehe ich das dennoch nicht. Ich gehe zu einem kleinen Café, doch der Milcherhitzer spuckt nur heißen Dampf aus – die Frau lächelt entschuldigend und sagt mir, wenn ich die Steinstufen in der Stadtmauer heraufgehen würde, gäbe es noch ein kleines Café. Gesagt, getan. Auf dem schmalen Sims stehen kleine Tische, dicht an dicht. Eine junge Frau bedient mich – und knöpft mir 5,50 € für ein Glas Kakao ab! Himmel hilf. Ich setze mich und trinke  – doch statt purer Schokolade erwartet mich ein Geschmack nach After Eight. Pfui Teufel. Sie will mir einen neuen Kakao machen, doch ich lehne dankend ab. Schulterzuckend meint sie, mein Geld würde ich aber nicht zurückbekommen. Wütend verlasse ich das Café. Der nächste Tiefschlag folgt in der Nikolaikirche, in der ich mir eigentlich nur das Gemälde “Der Totentanz” von Bernt Notke ansehen will. Aber nicht für 5,- € Eintritt! Am Rathaus gehe ich in die älteste Apotheke der Stadt, die 1422 zum ersten Mal erwähnt wurde. In der Straße Saiakang kehre ich im  “KehrWieder” ein, einem der ältesten Caféhäuser Estlands. Dieser Kakao schmeckt nach Kakao, wie sich das gehört. Als es beginnt zu tröpfeln, höre ich auf zu lesen und gehe in den kleinen Laden nebenan. Dort liegt ein estnisches Kochbuch – auf Deutsch! Schnell nachgeschlagen und siehe da: Das Rezept für die Limonaad ist abgedruckt! Für ca. 5 l werden 5 l Wasser aufgekocht. 1 – 3 Zitronen werden in Scheiben geschnitten und zugegeben. Dann das Wasser auf 40° C abkühlen lassen. 700 g Honig hineinrühren und das Getränk erkalten lassen. Zuletzt 25 g Hefe zugeben und gären lassen, bis Schaum entsteht, In verschlossenen Gläsern an kühler Stelle stehen lassen. Im Rataskaevu gönne ich mir ein Lachsfilet mit Spinat im Blätterteig. Lecker! Auf der Straße ziehen junge Leute “Hare krishna”  singend vorbei. Ah ja. Es geht zurück zum Hostel, nachdem ich “Der Junge, der Träume schenkte” ausgelesen habe.

Head aega, Tallinn!

CIMG3320 Um 13.30 Uhr mache ich mich auf den Weg Richtung Hafen. Es ist frisch geworden, der Himmel verdunkelt sich zusehends. Im Osten der Stadt hat sich das Rotermannviertel von einer Ansammlung verfallener Gebäude zu einem Kommerz- und Kulturzentrum mit Avantgarde-Architektur entwickelt. Zwischen alten Backsteingebäuden ragen gläserne Wohnhäuser hervor, Designerstraßenlampen säumen die mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Wege. Hier zeigt sich Tallinn von seiner modernen Seite, zeugt von Aufbruch und europäischem Flair. Viele junge Leute schlendern durch die Gassen, Geld wird in Designer-Klamotten und –Taschen investiert. Die ersten stärkeren Tropfen fallen, beim Einsetzen eines kräftigen Schauers erreiche ich das Einkaufszentrum am Hafen. Ich überlege ernsthaft, mir einen Rucksack zu kaufen – diese Umhängetasche ist einfach sowas von nervig! Aber dann siegt meine Vernunft und ich gehe seufzend wieder aus dem Geschäft heraus. Mit ein wenig Sudoku vertreibe ich mir die Zeit. Am Fährhafen benötigt der Mann vom Check-In-Schalter lediglich meinen Pass. Ich erhalte daraufhin ein Ticket, das nicht größer ist als eine Ticket aus einem Parktautomaten. Das ist alles. Viele Passagiere trudeln mit kleinen Lastentrollis ein – auf denen transportieren sie günstigen Wein, Schnaps und Bier von Estland nach Finnland. Um 15.45 Uhr öffnen sich die Schleusen. Nicht alle Tickets werden elektronisch korrekt gelesen. Eine Frau vor mir kommt einfach nicht durch. Man läuft über lange Gänge bis man die “Star” der Tallink-Fährlinie erreicht. Ich gehe schnurstraks nach draußen und suche mir einen Platz, der überdacht ist und der sich in der Mitte des Schiffes befindet. Mit Seekrankheit ist schließlich nicht zu spaßen. Pünktlich um 16.30 Uhr schiebt sich die Fähre rückwärts aus dem Hafen und dreht sich langsam um 180 Grad. Mit Blick auf Tallinn geht die zweistündige Überfahrt nach Helsinki los. Immer wieder ertönen Alarmanlagen der im unteren Deck parkenden Autos. Auf dem Schiff wimmelt es nur so vor gut aussehenden Finnen. Und wenn ich da an Bodo und seine finnische Taigra denke… Ich schweife ab. Stattdessen genieße ich die warmen Sonnenstrahlen und döse ein wenig ein.

Einreiseland: ESTLAND

Es ist 18.30 Uhr, als die “Star” in den Hafen von Helsinki einläuft. Die SonneIMG_6893 scheint und es weht eine kühle Meeresbrise. Auf dem Weg zum Hafen passieren wir kleine Inseln, eine Flotte Segelschiffe kreuzt unseren Weg. Vom Anleger bis zum Hostel sind es rund zwei Kilometer. Der Weg ist einfach: Den Hafen im Rücken lassen und dann immer der Nase nach. Das Domus Hostel ist ein Studentenwohnheim. Ich bekomme Zimmer A315, das ist in einem anderen Gebäude. Für die Außentür benötigt man die Magnetkarte. Für die Tür zu den Fahrstühlen auch. Und diese fahren erst dann in die gewünschte Etage, wenn man erneut die Karte einsteckt. Himmel hilf! Das Zimmer liegt gegenüber der Fahrstühle. Rechts Wandschrank und Garderobe sowie eine Mikrowelle, links Badzimmer und eine kleine Einbauküche. Im Raum steht ein Regal, drei kleine Tische mit Stühlen und drei schmale Betten – wenn die 90 cm breit sind, fresse ich einen Besen. Nun gut, für drei Nächte mag das gehen. Zwei Betten sind bereits belegt, das mittlere ist noch frei. Ich versuche, das Fenster noch weiter zu öffnen, doch es gelingt nicht. Irgendwie scheinen die Scharniere falsch angebracht zu sein. Egal. Ich mache mich fertig und begebe mich in die Stadt.

Kultur pur!

Bis zum Busbahnhof sind es nur wenige Minuten. Hier fährt um 5.00 Uhr der Bus der FinnAir ab. Für 6,30 € bringt er einen direkt innerhalb von 30 Minuten zum Flughafen. Das dürfte Sonntagmorgen passen. In der Stadt treten sie dich tot, wie Mama sagen würde. Es ist 20 Uhr, Leute, was wollt ihr alle an einem Donnerstagabend hier? Mühsam kämpfe ich mich durch die Gassen, hier ein Graffiti-Künstler, dort eine kleine Band, ob das hier immer so ist? Das kleine Restaurant, das laut Stadtplan günstig etwas zu essen anbietet, scheint seit längerer Zeit gar nichts mehr anzubieten. Um die Ecke noch ein empfohlenes Restaurant – das quillt über vor Leuten. Schließlich kommt es doch soweit, ich esse bei einem gelben M eine Kleinigkeit. Dort finde ich schließlich auch heraus, was es mit den vielen Menschen auf sich hat: Heute ist Abend der Kunst!  CIMG3355 Museen hatten länger geöffnet, auf verschiedenen Plätzen gibt es Musik und Tanz. Ha, wieder alles richtig gemacht :-). Ich schlendere durch die Gassen, flüchte vor Panflöten, lausche Finnischer Folklore und schaue zu, wie ein Pärchen mitten auf der Straße zu tanzen beginnt. Grund ist ein Duo aus Kontrabassist und Gitarrist, die sich abwechseln und dann auch singen. Großartig, nur leider zu leise. Um die Ecke steht ein Bus einer “Jesus rettet”-Bewegung. Nun fängt ein langhaariger Jünger auch noch an zu singen… Fällt das auch unter Kunst? Egal. An einem Süßigkeitenstand erstehe ich eine Lakritzstange – das wäre was für Papa und Anneli, so muss Lakritz schmecken! Ich schlendere zurück zum Hostel und gehe recht früh schlafen.