Das Frühstück nehmen wir auf der Terrasse mit Blick auf die Stadt ein. Ich probiere Brot mit einem Hauch Pflaumenmarmelade. Mühsam schleppen einige ihre Koffer die Treppen herunter – der Busfahrer sitzt daneben und rührt sich nicht. Trinkgeld bekommt der keins, das ist sehr schnell hier die einhellige Meinung. Wir fahren ein paar Minuten, bis wir die Innenstadt erreichen.

Gerupftes Huhn und Safran

Der Markt zieht uns magisch in den Bann: In Wasserbecken zucken noch die Fische, Händler wedeln mit kleinen Tüchern die Fliegen von den halbe Schweinehälften, die Hühner sind federnlos, zahlreiche Gewürzstände sorgen für ein unvergleichliches Aroma. Zahnlose Frauen mit Damenbart um die Warze am Kinn wünschen breit grinsend „Gesundheit“, Männer küssen sich zur Begrüßung auf die Wange, Halbstarke lenken ohne Rücksicht auf Verluste riesige Einkaufskarren durch die engen Gassen. Melonen stapeln sich zu Hauf, Kohlköpfe werden kunstvoll aufgeschichtet, frische Kräuter hängen ebenso von den Hüttendächern wie die süßen Würste, Nüsse und Kerne können probiert und umgehend gekauft werden. Ich erstehe ein paar Gewürze, dann geht die Fahrt auch schon weiter.

Weißwein mit und ohne Filter

Nach einer guten halben Stunde erreichen wir das Weingut Schuchmann, das einem deutschen Unternehmer gehört. Die Anlage ist komplett gesichert, könnte ja jemand was klauen. Zunächst gibt es eine Führung durch die Produktion, auch wenn die ersten schon nach der Weinprobe fragen. Ein junger Georgier führt uns zunächst in den Keller, wo die Krüge auf georgische Methode eingegraben sind. Hier wird ausschließlich Weißwein hergestellt. Gerade sind alle Fässer leer, denn die Traubenernte beginnt erst in wenigen Wochen. Im nächsten Keller lagern Eichenfässer und zahlreiche Flaschen Champagner. Hier wird nur eine kleine Anzahl produziert. Eine Etage tiefer stehen 30 riesige Behälter, in denen Rot- und Weißwein auf europäische Methode (also gefiltert) hergestellt wird. Zurück an der Oberfläche verkosten wir drei Weine: Zunächst einen unfiltrierten Weißwein, dann einen filtrierten – beide stammen aus der selben Rebsorte und schmecken völlig unterschiedlich. Für den gefilterten hat Schuchmann in Deutschland die Goldmedaille gewonnen. Danach folgt ein schwerere Rotwein, recht trocken und sehr fruchtig. Ich probiere von allen dreien ein bisschen in der Hoffnung, dass nichts ganz schnell den Weg nach Draußen finden. Die Toiletten sind wunderbar sauber – und vermitteln Dank Grohe-Armaturen ein Stück Heimat.

Kein Untergang des Abendlandes!

Die Fahrt über den Tsivi-Pass nach Tbilisi (Tiflis) dauert rund 2,5 Stunden. Toiletten sind Mangelware, als wir irgendwo im Nirgendwo eine entdecken, springt die Hälfte der Reisegruppe hinaus – wer weiß, wann und wo es die nächste Gelegenheit gibt. Viele Dörfer sind verlassen, die Natur erobert sich ihren Raum rund um alte Krankenhausbauten und Militäranlagen mit aller Macht zurück.

In Tiflis fahren wir zunächst mit dem Bus zur Sameba-Kathedrale (Dreifaltigkeit), die 2004 erbaut wurde und eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt ist. Sie ist 84 Meter hoch und fasst sage und schreibe 15.000 Menschen. Erbaut wurde sie nach dem Ende der Sowjetunion als Zeichen dafür, dass es im Land noch eine Religion gibt, dass der Glaube weiterlebt, waren doch während der Sowjet-Zeit viele Kirchen anderweitig genutzt wurden. Das Gelände ist 9 Hektar groß und beherbergt neben der Kirche die Residenz des georgischen Katholikos-Patriarchen, ein Kloster, ein Priesterseminar und eine theologische Hochschule. Die Glocken wurden in Deutschlang gegossen und imitieren mit ihrem Klang den mehrstimmigen georgischen Gesang. Die „Unterkirchen“ gleichen riesigen Ballsälen, ausgestattet mit prunkvollem Marmor blenden sie beinahe das Auge.

Fußmarsch zum Hotel

Der Bus hält am Europlatz, von wo aus wir zu Fuß weiterlaufen müssen. Mir macht das ja nichts aus, aber einige ältere Herrschaften beschweren sich zurecht über die ungeplante Wegstrecke. Die Koffer werden mit Kleintransportern zum Hotel gebracht. Das Sharden Hotel liegt in der gleichnamigen Gasse südwestlich des Mtkvari-Flusses. Ich lege erstmal die Füße hoch, dann warte ich in der Lobby auf meinen Koffer. Janette zieht schon los, ich wenig später auch. Ich lasse mich treiben, begutachte georgischen Schmuck und schlendere zunächst durch den Rike Park auf der Ostseite des Flusses. Hier liegt wie ein Lindwurm eine Konzerthalle aus zwei trichterförmigen Röhren – Musiktheater und Ausstellungshalle zugleich. Über die Friedensbrücke (eine reine Fußgängerbrücke) gelange ich wieder auf die andere Seite des Flusses.

Tief im Westen

Ziemlich zielsicher erreiche ich den Friedensplatz, in dessen Mitte ein goldener Drachentöter auf einer hohen Säule thront. Ich entferne mich aus dem Trubel der Touristen und schlendere durch die Gassen der Stadt. Als Fotoprojekt schaue ich mir Türen aus, die so unterschiedlich in Form, Farbe und Ausgestaltung sind, dass es eine wahre Pracht ist. Zufällig gelange ich zum Marionettentheater von Reso Gabriadze, ein wunderbarer Bau, den der König des georgischen Puppentheaterspiels vermutlich sogar selbst entworfen hat, da er sich ebenfalls als Autor, Kostümbildner, Bildhauer, Maler und Graphikdesigner einen Namen gemacht hat. Mit seinem Marionettentheater, das er 1981 gründete, weilt er zu Gastspielen in vielen verschiedenen Ländern.
In den kleinen, schmalen Gassen, in denen sich ein Lokal an das nächste anreiht, stehen überall Klaviere, auf dem einen oder anderen wird sogar gespielt. Hier lässt es sich wunderbar aushalten! Das sieht mein Magen jedoch anders und ich eile auf dem schnellsten Wege (nur ein Stopp für Cola-Kauf muss noch drin sein) zum rettenden Klo im Hotelzimmer. Ab 18 Uhr ist der Stadtbummel für mich beendet – mal gucken, was der morgige Tag bringen mag…

vorheriger Beitrag: | nachfolgender Beitrag: